Vier Jahre ist es mittlerweile her, dass ich mich nach langwieriger Suche in mein Rennrad schockverliebte. Vier Jahre ist also auch die Radtour ins Alte Land her, die Kim, Raphael und ich damals spontan unternahmen.

Damals war ich furchtbar unsportlich, ohne Kondition, aber die knapp 70km hin und zurück gingen einigermaßen easy. Raphael hat damals ein bisschen gefilmt: Äpfel ernten im Alten Land

Jedes Jahr aufs Neue wollten Kim und ich die Tour wiederholen, aber irgendwas war immer. Beziehungen, Verpflichtungen, Wetter, you name it.

Sowas von prepared für die Ausfahrt. Hunger werde ich nicht leiden.

Vergangenes Wochenende sollte es aber wieder so weit sein. Ich hab den Hund morgens woanders geparkt, Essen für unterwegs und die Kamera in den Rucksack gepackt. Ich war sowas von auf alle Eventualitäten vorbereitet. Zumindest dachte ich das zu diesem Zeitpunkt noch.

Die ganze Unternehmung startete mit Reparaturen an meinem Rad. Die Schaltung wollte nicht so ganz, wie sie sollte, aber Kim hat das wieder gut hinbekommen. Dann ging es los. Ich hatte richtig Laune. Wir unterhielten uns übers Wetter und freuten uns einen Keks, dass es einfach perfekt war. Die Sonne schien, der Himmel war blau, es war weder zur warm noch zu kalt. Es hätte nicht besser laufen können. Traditionell schlugen wir natürlich auch mal zwischendurch den falschen Weg ein, aber es lief.

Bis Schienen unseren Weg kreuzten. Ich erzählte Kim gerade einen Schwank aus meinem Leben der letzten Tage, dachte nicht so wirklich nach, bei dem, was ich tat und dann geschah es auch schon: Ich hörte, wie der Vorderreifen meines Rades in das Gleis bzw. die Schiene rutschte. Daraufhin blockierte alles und ich stieg über den Lenker fliegend ab. Leider schlug ich tatsächlich mit der linken Stirnseite auf dem Boden auf, rutschte dann noch mit dem Kinn ein bisschen über den Asphalt und dachte mir: Byebye, Nase, ciao, Zähne. Das war’s dann erstmal.

Ich glaube, ich bin ziemlich schnell wieder aufgestanden, schmiss sowohl Helm als auch Rucksack von mir und hatte aber auch direkt Schmerzen in den Knien. Meine Hände waren leicht aufgerissen, ich sah auch, dass meine Hose am rechten Knie eingerissen war. Ich setzt mich erstmal an den Straßenrand, während Kim mein Fahrrad und meinen Kram aufsammelte. Ziemlich schnell meinte dann auch mein Kreislauf, sich verabschieden zu wollen. Also legte ich mich erstmal an den Rand der Straße, Füße hoch. Da lag ich dann ein Weilchen. Als es besser wurde, packten wir zusammen und gingen auf die andere Seite, damit wir nicht mehr direkt an der Straße saßen. Ich zitterte vor Schock und Adrenalin ein bisschen vor mich hin und brauchte unbedingt was zu Essen.

Mein Kinn war aufgeschürft, beide Knie offen, ich hatte Kopfschmerzen, meine Nase schmerzte und die Stirn war leicht angeschrammt. Das Visier meines Fahrradhelmes ist auch entsprechend abgeschürft. Alles in allem Glück im Unglück. Das Rad ist heile bzw. Kim konnte die Dinge wieder gerade biegen. Mir war zwar ein bisschen übel, das war aber wohl eher auf den Einschlag und Schock zurückzuführen.

Nach einigem hin und her überlegen sind wir dann doch noch weiter gefahren. Aber es war zäh, sehr zäh. Wie gesagt, ich bin jetzt definitiv fitter und trainierter, als vor vier Jahren. Aber dieser Unfall hat so viel Energie gekostet, dass ich auf dem Hinweg schon echt am Ende aller Kräfte war. Wir sind recht spät auf dem Hof angekommen, ich humpelte durch die Baumreihen und wir sammelten ein paar Äpfel. Immerhin hatte ich ja meiner Nachbarin versprochen, dass ich ihr welche mitbringe. Versprochen ist versprochen.

Anschließend picknickten wir noch ein bisschen und ich wunderte mich, warum das manche Menschen so verwunderlich fanden und uns anstarrten, während wir am Straßenrand saßen und unsere Brote aßen. Bis mir dann die Schrammen in meinem Gesicht wieder einfielen und die Blicke wohl eher darauf zurückzuführen waren.

Der Rückweg war entsprechend furchtbar. Meine Knie taten bei jedem Antreten doll weh, meine Kopfschmerzen wurden nicht weniger und ich wollte einfach nur noch irgendwo auf den Arm. Half aber alles nichts. Wir kürzten jedoch trotzdem mit Fähren ab.

Zuhause angekommen realisierte ich dann unter der Dusche, dass das alles echt hätte richtig übel ausgehen können, hätte ich diesen dusseligen Helm nicht getragen, und brach dann mal kurz in Tränen aus. Dieses verdammte Adrenalin …

Ich weiß nicht, wie schlimm es geworden wäre, aber ich kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass der Helm jeden Cent wert war und seinen Job perfekt erledigt hat. Ich hatte trotzdem die komplette vergangene Woche mit Kopfschmerzen, Wortfindungsstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten und heftiger Müdigkeit zu kämpfen. Heute ist der erste Tag, an dem ich mich wieder halbwegs ok fühle und einigermaßen normal und fast ohne Schmerzen im Knie gehen kann.

Aber die Äpfel schmecken gut. Äpfel aus dem Alten Land sind die besten Äpfel. Mal schauen, ob wir die Tour nächstes Jahr direkt wieder machen und was ich dann zu erzählen habe. Kann Kim als Tourbegleiter jedenfalls empfehlen. Es ist gut, jemanden dabei zu haben, der auch in den übelsten Situationen einfach Ruhe und Kontrolle ausstrahlt. Mir hat das in dem Moment sehr geholfen, um sehr schnell über den Kack lachen zu können.

Long story short: Besorgt euch verdammt nochmal einen Helm. Ja, sie sehen scheiße aus, aber sie können Leben schützen. Eures nämlich.

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