Es ist nun fast 9 Jahre her, dass ich mich entschieden habe, nach Hamburg zu ziehen. 2012 habe ich dann den Schritt gewagt. Seit 8 Jahren wohne ich hier. Seit 8 Jahren im gleichen Viertel, in der gleichen Wohnung. Ich schlafe noch immer im gleichen Zimmer, wie im ersten Jahr, aber die anderen Räume haben sich verändert. Erst war es eine WG, dann wohnte ich zum ersten Mal in meinem Leben alleine in einer Wohnung. Ich ging nicht davon aus, dass ich das noch erleben würde, war ich damals seit 7 oder 8 Jahren in einer festen Beziehung und wollte er doch nachkommen und wir wieder zusammenziehen. Dann kam uns jedoch das Leben dazwischen und ich hatte meine erste eigene Wohnung, um die mich viele beneideten.

In den Jahren hat sich nach und nach einiges in der Wohnung geändert. Es wurden viele Partys gefeiert. Menschen kamen und gingen. Ja, ich mochte die Wohnung immer und mag sie immer noch, aber es hat sich was verändert. Erst kürzlich und heute wurde es mir bewusst: Ich fühle mich wirklich richtig zuhause.

Ich dachte, das sei schon länger so gewesen. Vielleicht trifft es das auch nicht ganz, vielleicht ist es mehr. Ich weiß es nicht genau.

Die Wohnung hier ist riesig für eine Person alleine. Wer die Hamburger Mietpreise kennt, kann sich vorstellen, dass sie monatlich auch ein bisschen was in dieser Ecke der Stadt kostet. Ich habe also schon oft mit dem Gedanken gespielt, umzuziehen. In Relation zu anderen Wohnung und Lagen ist meine Miete allerdings lächerlich. Aber was das besondere hier ist: die Menschen würden mir sehr fehlen.

Alles hat damit angefangen, dass Yaska herkam. Man lernt erstaunlich einfach die Menschen in der Umgebung kennen, wenn man einen Hund hat. Einen Hund zu haben ist ein kommunikativer Eisbrecher und Wiedererkennungswert zugleich. Auf einmal kam man mit den Menschen aus Nachbarhäusern ins Gespräch. Der Besitzer der Eisdiele nebenan bekam einen Namen und eine Lebensgeschichte. Ich kenne mittlerweile seinen Jahresablauf: wann wird der Laden geöffnet, wann fährt er wohin in den Urlaub, wo lebt seine Familie, wann besucht er sie. Das ist irgendwie schön und macht dieses Viertel so viel kleiner und heimeliger.

In den letzten Jahre verbrachte ich eh schon viel Zeit in meiner Wohnung, weil ich meistens von hier aus arbeite. Ich habe meine Lieblingsnachbarin, mit der ich gelegentlich gemeinsam zu Abendesse und ein Gläschen Wein trinke und deren Kind ich schon sehr in mein Herz geschlossen habe. Dann ist da noch der Iraner mit seiner Wettbude, der immer freundlich grüßt und nur für mich manchmal Pakete annimmt, weil ich so nett bin und Yaska im Garten immer eine Schüssel Wasser hinstellt. Sowie der türkische Friseur, der immer mit seinem Rad unterwegs ist und mir zuwinkt, wenn wir uns über den Weg laufen.

Bis vor wenigen Wochen tauschte ich mit seinen beiden Mitarbeitern kein Wort. Man sah sich und ignorierte sich auf eigenartige Art und Weise. Doch auch die beiden grüßen mich seit einigen Tagen, knuddeln Yaska und sind meganett.

Kürzlich kam ich abends alleine nach Hause und kam mit dem Iraner ins Gespräch. Er wollte nicht, dass ich alleine bin, ich sei doch so nett und es liegt ja nur alles an diesem modernen Beziehungsleben. Alle meinen, um die nächste Ecke gebe es etwas besseres und alles bliebe furchtbar unverbindlich, man breche wegen jeder noch so kleinen Kleinigkeit riesige Diskussionen und Streits vom Zaun. Und dann ist da noch dieser freundliche Herr, der immer bei dem Iraner sitzt und ihm half, während der Corona-Schließzeit den Laden komplett zu renovieren. Der sitzt auch immer im Garten und wir unterhalten uns öfters. Dabei erzählt er dann alte Geschichten aus dem Viertel. Wie die Schanze früher mal aussah, wem mittlerweile welcher Laden gehört und was früher da drin war und wie die Verhältnisse so sind.

Ich lieb’s.

Ich liebe das. Ich liebe das wirklich sehr. Ich liebe es, wenn Wettbüro, Friseur und der Garten-Mann sich einen unserer Grills aus dem Garten schnappen und einfach anfangen, unkonventionell auf dem Gehweg an der Straße zu grillen. Es ist so sinnbildlich für diese Hausgemeinschaft.

Ja, alle diese Menschen würden mir sehr fehlen. Sie sind mein kleines Dorf. Mein Zuhause. Ich glaube, ich bleibe noch eine Weile hier.

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